Motive am Latscher Menhir

Was ist ein Menhir?

Als Menhir wird ein hochragender Steinblock bezeichnet, der in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen aufrecht gestellt wurde und häufig die Darstellung eines Menschen ist. Das Wort „Menhir“ ist aus dem Bretonischen entlehnt und bedeutet: maen Stein‘,hir lang. Menhire werden auch Bild-, Figuren- oder Hinkelsteine genannt. Sie stellen ein weit verbreitetes Phänomen der Kupferzeit im 3.und 4. Jahrtausend v. Chr. dar, welches fast im gesamten europäischen Raum bekannt ist. Im Alpenraum können sechs Gruppen unterschieden werden:

  • Lunigiana-Gruppe (Ligurien, Toskana)
  • Aostra-Sion-Gruppe (Aosta, Wallis)
  • Valcamonica-Valtellina-Gruppe (Valcamonica, Veltlin)
  • Lessinische-Gruppe (westliches Veneto)
  • Brentonico-Gruppe (südliches Etschtal)
  • Etschtal-Gruppe (Südtirol, Nonsberg, Sarcatal)

Die Menhire der Etschtal-Gruppe

Im Raum Südtirol und dem Trentino sind bisher 22 Menhire an 11 Orten entdeckt worden, zwei im nahegelegenen Vetzan, weitere in Tötschling, Feldthurns, Lajen, Völs, St. Verena am Ritten, Tramin, Revò, vier in Algund und acht in Arco. Charakterisiert durch die Motive der Bekleidung, der Tracht sowie der dargestellten Gegenstände zählen sie zur sogenannten Etschtal-Gruppe. Die Menhire der Etschtalgruppe bestehen aus sogenannten männlichen, weiblichen und neutralen Menhiren. Vereinzelt ist das Gesicht herausgearbeitet, bei den sogenannten weiblichen Menhiren auch die Brüste. Typisch für die Etschtal-Gruppe sind die senkrechten Streifen, die als Darstellung eines Mantels gedeutet werden können. Das Oberkleid des Mannes aus dem Eis, das sich aus mehreren länglichen abwechselnd hellen und dunklen Fellstreifen zusammensetzt, könnte so ein Mantel sein. Männliche Menhire sind mit Gewandnadeln (Hammerkopfnadeln) und einem umlaufenden girlandenförmigen Gürtel gekennzeichnet, außerdem tragen sie Äxte, Stabdolche und Dolche sowie Pfeil und Bogen oberhalb des Gürtels. Weibliche Menhire mit angedeuteten Brüsten tragen Collier und Doppelspiralen.

Ausstattung des Menhirs von Latsch

Der Latscher Menhir weist neben den ikonographischen Merkmalen der Etschtalgruppe auch Symbole der lombardischen Valcamonica-Gruppe auf. Er ist der Beweis dafür, dass die Kulturkreise der Bergregion im heutigen Nationalpark Stilfserjoch seit Tausenden von Jahren in Verbindung stehen. Am Menhir von Latsch sind verschiedene Phasen der Bearbeitung zu erkennen, weshalb manche Motive sich überlagern. Der Landesarchäologe Dr. Hubert Steiner beschreibt sie folgendermaßen:

Vorderseite:

Motive der 1.Phase

In der ältesten Phase wurde der Bildstein mit der „Standardausstattung“ eines männlichen Menhirs der Etschtal-Gruppe versehen:

  • Der geraffte Gürtel im unteren Teil.
  • Je zwei Beile links und rechts ober dem Gürtel, die in senkrechter Position seitlich angeordnet sind. Vermutlich folgt ein weiteres am oberen Bildrand.
  • Oberhalb des Gürtels erscheinen horizontal positioniert zwei Dolche mit der Spitze zur Mitte hin. Der Dolch links mit Mittelrippe besitzt einen kugelförmigen Knauf und ist mit Grübchen gefüllt. Der Dolch rechts mit pilzförmigem Knauf gibt einen kennzeichnenden sog. „Remedellodolch" wieder.
  • Ein senkrecht gestellter Dolch erscheint im oberen Bereich des Bildsteins.
  • Ein weiteres Statussymbol bildet ein zentral befindlicher Gegenstand: Dabei handelt es sich entweder um eine Hammerkopfnadel oder — aufgrund der Größe wahrscheinlicher — eine Hammeraxt. Die Gegenstände sind teils von Grübchenreihen begleitet.
  • Die obere rechte Hälfte zeigt mehrere schräge Rillen, die in die Schmalseite des Bildsteins überführen und von Strichreihen gefüllt sind. Sie geben ein offenbar vorne offen getragenes Gewand wieder.
  • Gebogene Linien am Rand könnten einen Bogen darstellen.

Motive aus weiteren Phasen

In den folgenden Bearbeitungsphasen sind Einflüsse aus der Valcamonica-Valtellina-Gruppe zu erkennen. Die Darstellungen überlappen sich zum Teil, was darauf hinweist, dass diese in mehreren Phasen entstanden sind.

  • Eine für das Etschtal einzigartige Darstellung bildet ein Jäger mit angesetztem Pfeil und Bogen.
  • Hinter ihm erscheint ein rechteckig bis ovales Gebilde mit Punktfüllung, das vielleicht als Netz zu verstehen ist, welches bei der Jagd zum Einsatz kam.
  • Vor dem Jäger befindet sich eine Figur.
  • Schließlich sind in der rechten Bildhälfte zwei Hirsche dargestellt.
  • Auf der linken Seite befindet sich oberhalb des Dolches vermutlich ein Hund.
  • Oberhalb davon will man einen Wagen erkannt haben. Dies bleibt allerdings ungewiss, vermutlich handelt es sich dabei um zwei weitere Tiere.

Rückseite

Die Rückseite ist geprägt von der zur Etschtal-Gruppe üblichen Ausstattung: dem Mantel und dem Gürtel. Spannend bleibt die Darstellung der Sonnen und die sich kreuzenden Bänder. Prof. Dr. Annaluisa Pedrotti weist auf die Möglichkeit hin, dass die Hinterseite des Menhirs als weiblicher Figurenstein genutzt wurde. In diesem Falle stehen die Sonnen für die Brüste. Möglicherweise weisen die Symbole auch auf ein Sonnen-Phänomen hin, welches noch heute jährlich einen Tag vor Weihnachten am Auffindungsort des Menhirs der Kirche zu Unserer Lieben Frau auf dem Bichl stattfindet.

Dolch
Heimatpflegeverein Latsch
Kulturgemeinde Latsch
Autonome Provinz Bozen - Denkmalpflege
Interreg Italia - Österreich
Terra Raetica

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