Mordfall Ötzi

Ein Kriminalfall in Stein gemeißelt?

Der Menhir von Latsch trägt auf seiner Rückseite ein ganz besonderes, geheimnisvolles Motiv: einen Bogenschützen, der auf eine andere Person zielt, ein auf den Menhiren der Etschtal-Gruppe einzigartiges Motiv. Was stellt sie dar? Eine Mordszene oder doch nur eine Jagdszene von zwei Jägern auf der gemeinsamen Jagd? Es ist vielleicht gewagt, hier einen Zusammenhang zum Tod des Mannes aus dem Eis zu sehen, zumal Ötzi ein paar Hundert Jahre früher gestorben ist, aber ganz von der Hand zu weisen ist der Zusammemhang nicht. Der Todesort des Mannes aus dem Eis ist nur rund 20 Kilometer Luftlinie entfernt vom Latscher Menhir.

Das „Ötzi-Epos“

Die Menschen aus der Kupferzeit, die den Menhir von Latsch geschaffen haben, kannten noch keine Schriftzeichen. Geschichten und Ereignisse wurden mündlich über Jahrhunderte weitergegeben oder vielleicht als Zeichnungen und Steinritzungen in einer Art Bilderschrift vergegenwärtigt. Der Ötzi-Experte und Archäologe Prof. Dr. Walter Leitner hat folgende Hypothese: „Der Mord an Ötzi dürfte wohl nicht ganz verborgen geblieben sein und hinter vor gehaltener Hand hat seine dramatische Geschichte letztlich einen Steinmetz geraume Zeit später dazu bewogen, sie festzuhalten. Vielleicht das älteste Epos der Menschheit. Seit eh und je begegnen wir dem Phänomen der lang andauernden mündlichen Überlieferung. Ilias und Odyssee, die Nibelungen, große Epen der abendländischen Kulturgeschichte, sie alle wurden erst viele Jahrhunderte später niedergeschrieben– eine faszinierende Vorstellung.“

Späte Erkenntnis

Die Mumie des Mannes aus dem Eis wurde bald nach ihrer Auffindung zu einem des am besten untersuchten Leichname der Geschichte. Röntgen, Computertomografie, viele spezialisierte pathologischen Untersuchungsmethoden und Analysen wurden vorgenommen. Zehn Jahre nach ihrer Auffindung, also 2001, wurde die Mumie des Mannes aus dem Eis neuerlichen Untersuchungen unterzogen. Mit einem fahrbaren Röntgengerät nahm ein Team um den Radiologen Dr. Paul Gostner und der Pathologe Dr. Egarter Vigl die Mumie in der Laborzelle des Museums unter die Lupe – und sie trauten ihren Augen nicht: In der linken Schulter des Mannes steckt eine Pfeilspitze! Kein Wissenschaftler vor ihnen hatte das Offensichtliche gesehen. Die Pfeilspitze ist aus Feuerstein, 27mm lang und 18mm breit. Sie wurde von den Wissenschaftlern nicht entfernt und steckt nach wie vor im Körper des Mannes aus dem Eis. 2002 wurden die Wissenschaftler aus Bozen wieder fündig: Ötzi hatte eine klaffende Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, Zeichen einer typischen Abwehrverletzung. Der Mann muss in einen Streit oder Kampf verwickelt gewesen sein und zwar einen oder mehrere Tage vor seinem Tod.

Mord und Todschlag?

Hatte ihm jemand nach dem Leben getrachtet? Bereits seit längerem? Stress-Symptome an den Fingernägeln belegen, dass Ötzi in den letzten zwei Wochen vor seinem Tod in einer lebensbedrohenden Gefahr war. Walter Leitner: „Am Gipfel der Macht wird Ötzi nicht nur Freunde gehabt haben. Seine Gegner sind nach und nach stärker geworden. Machtkämpfe in den eigenen Reihen dürften die Folge gewesen sein. Die politische Position des Mannes aus dem Eis wurde mehr und mehr geschwächt. Schließlich musste es sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen mit folgenschweren Verletzungen gekommen sein, die ihn letztlich veranlassten, sein Heil in der Flucht zu suchen. Ötzi flüchtete vom Vinschgau aus in die Berge, die Ötztaler Alpen. Aber seine Verfolger ließen ihm keine Chance. An einem Herbsttag vor rund 5300 Jahren wurde das Schicksal Ötzis besiegelt. Ein aus dem Hinterhalt abgeschossener Pfeil durchschlug seine Schulter und verletzte eine Hauptschlagader, sodass der Mann in kurzer Zeit verblutete. Um keine Spuren zu hierlassen, entfernte der Mörder den Pfeilschaft und suchte das Weite. Schon bald verschwand der Tatort unter einen dicken Schneedecke und das Verbrechen blieb wahrscheinlich ungesühnt.“

Welches Motiv hatte der Mörder?

War Ötzi ein Verletzter auf der Flucht, als Kupferhändler auf dem Weg über die Alpen, ein Opfer eines Raubmordes. War er ein entmachteter Häuptling oder Schamane? „Hier reichen unsere Kenntnisse bei weitem nicht aus, um Definitives zu sagen.“ sagt Walter Leitner „Man ist aber allgemein geneigt zu behaupten, dass Ötzi aufgrund seiner wahrscheinlich überdurchschnittlichen spirituellen Fähigkeiten und nicht zuletzt ob seines bizarren Outfits, das sicherlich nicht der jungsteinzeitlichen Alltagsbekleidung entsprach, als ein Sonderling gesehen wurde. Dass es sich unter diesem Aspekt eher um einen Auftragsmord im Rahmen eines politischen Machtspiels handelt oder gar um eine kultische Hinrichtung ist durchaus in Betracht zu ziehen, kann aber wohl nie bewiesen werden.“ Auch die Hypothese, dass Ötzi in einem Opferritual am Tisenjoch umgebracht wurde, wird diskutiert. Quellen: Walter Leitner: Ötzi der Mann aus dem Eis. in „Südtirol in Wort und Bild“2013; Erwin Brunner: Die letzten Tage das Mannes aus dem Eis, Geo Juli 2007

Dolch
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Terra Raetica

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